Die Haptonomie
Die Haptonomie ist eine Praxis, die die Beziehung und den affektiven Kontakt in den Mittelpunkt der Pflege, Erziehung und jeder zwischenmenschlichen Begegnung stellt.
Der affektive Ansatz bezieht sich auf alles, was mit Wahrnehmungen, Empfindungen und Gefühlen zu tun hat und eine grundlegende Rolle spielen in der Entwicklung und Existenz eines Menschen. Dieser affektive Ansatz ermöglicht den Menschen zu begegnen ohne Körper und Geist zu trennen.
Die Haptonomie ist ihrem Wesen nach transdisziplinär und umfasst alle Altersstufen des Menschen, vom pränatalen Leben bis zur Begleitung am Lebensende. Daher sind ihre Anwendungsbereiche vielfältig.
prä- und postnatale Haptonomie
Die Begleitung während der Schwangerschaft, für das Paar und ihr Baby.
Und für alle drei, nach der Geburt.
Die haptonomische prä- und postnatale Begleitung fördert
die Entwicklung der affektiven Bindungen zwischen
dem Kind, dem Vater und der Mutter.
Während das Kind noch im mütterlichen Schoss ist, erleben Kind, Vater und Mutter eine innige, zärtliche und liebevolle Beziehung. Die Haptonomie fördert sowohl das Willkommenheissen des Neugeborenen im Moment der Geburt, als auch die Bestärkung der Geborgenheit in der Zeit danach. Das Kind erlangt sehr bald eine Basis-Sicherheit, die ihm den Weg zu Autonomie, Kommunikation und Vertrauen öffnet.
Bei jeder Begegnung mit der Begleitperson entdecken die Eltern, wie sie mit ihrem Kind durch einen psychotaktilen Kontakt voller Zärtlichkeit und Liebe interagieren können. Dieser Austausch erfordert von beiden Elternteilen ein affektives Engagement und wird anschließend zu Hause wiederholt und weiterentwickelt.
Diese Begleitung ist auch eine Geburtsvorbereitung, denn sie fördert eine aktivere Beteiligung der Eltern an der Geburt ihres Kindes.
Nach der Geburt wird das Kind spezifisch begleitet. Durch den Basishalt – ein Sicherheit vermittelndes Tragen – wird sich das Kind seiner Körperlichkeit bewusst und entwickelt bereits in den ersten Lebenswochen eine empfundene Basissicherheit.
Die Begleitung ist progressiv und an die Entwicklungsphasen der Schwangerschaft und des Kindes angepasst.
Es ist wünschenswert, die Sitzungen so früh wie möglich nach der Empfängnis zu beginnen, spätestens jedoch am Ende des 6. Monats. Nach der Geburt werden mindestens vier postnatale Sitzungen empfohlen, eine davon ist der Mutter gewidmet, welche in Anwesenheit des Vaters stattfindet.
Geburtshilfliche Haptonomie
Haptonomie im Gebärsaal
Die geburtshilfliche Haptonomie wird während der Geburt und Entbindung angewendet. Sie berücksichtigt die Phänomene, die verbunden sind mit dem Erleben von Affektivität während des Geburtsprozesses, sowie auch in den Beziehungen zwischen Eltern, Kind und Fachkraft.
Die Haptonomie unterscheidet den objektiv beobachtbaren Körper und die erlebte und empfundene „Körperlichkeit“.
Die «Körperlichkeit» definiert das subjektive Erleben des physischen Körpers und entspricht der gelebten Realität, die unsere Beziehung zur Welt und zu den uns umgebenden Menschen bestimmt. Sie ist “was ich lebe und was ich bin”.
Die geburtshilfliche Haptonomie verbindet das klinische Fachwissen mit dem Begegnungsraum, in dem Mutter und Kind gemeinsam am Geburtsprozess teilnehmen.
Haptonomie im Säuglingslater
Die Haptonomie für Säuglinge – eine Unterstützung für Eltern
Die Haptonomie für Säuglinge ist eine Fortsetzung der perinatalen Begleitung.
Die von Eltern oder Fachkräften täglich ausgeführte Pflege (Windeln wechseln, Körperpflege, Essen geben) wird als Moment der Begegnung erlebt. In diesem Austausch erfährt das Kind Wohlbefinden und Vergnügen, was zu einer guten Entwicklung beiträgt.
Die Beziehungsqualität wird durch eine beruhigende Präsenz und einem sanften und Sicherheit vermittelnden Kontakt verfeinert, auch bei technischen Handlungen.
Die affektive und Sicherheit gebende Bindung zwischen Eltern und Kind wird unterstützt, auch bei frühgeborenen und kranken Kindern.
Haptopädagogik
Haptonomie von der Kindheit bis zur Adoleszenz
Sie begleitet das Kind in seiner Individualisierung bis zur Adoleszenz und sorgt für die Entwicklung eines harmonischen Gleichgewichts zwischen psychoaffektiver Reifung und kognitivem Lernen.
Sie berücksichtigt die sensorische Entwicklung in einem affektiven Ton während der verschiedenen Phasen der kindlichen Entwicklung. Indem sie die Entfaltung der eigenen Fähigkeiten und Talente des Kindes unterstützt, begleitet sie es auf dem Weg zu seiner Autonomie und Authentizität und appelliert sehr früh an seine Eigenverantwortlichkeit.
Sie legt somit den Schwerpunkt auf die Möglichkeiten eines „Miteinanders“ und des Teilens mit dem anderen, anstatt auf Wettbewerb und Rivalität.
Haptosynesie - Haptonomie in der Pflege
Der menschliche Ansatz
Die Haptosynesie trägt dazu bei, Ängste und Befürchtungen zu überwinden, die mit den durch Behinderung, Krankheit oder das Lebensende gesetzten Grenzen verbunden sind.
Sie beruft sich auf den Lebenswillen der Person und befasst sich nicht nur mit der Behinderung, der Krankheit oder dem Lebensende. Darüber hinaus berücksichtigt sie die Person und ihre Fähigkeit, mit den ihr zur Verfügung stehenden Fähigkeiten wieder einen Sinn in ihrem Leben zu finden.
So mobilisiert im Wesentlichen die Person selbst ihre Fähigkeiten und Ressourcen. Sie entdeckt, dass sie trotz ihrer Behinderung im Leben präsent bleiben kann. Dass sie nach wie vor sich selbst ist, mit ihren eigenen Werten, Gefühlen und Empfindungen und in Beziehung zu den Mitmenschen.
Eine Auswirkung der haptonomischen Beziehung muss wegen ihrer besonderen Bedeutung in der Haptosynesie hervorgehoben werden. Es handelt sich um die Veränderung dessen, was wir Repräsentationstonus nennen.
Dieser – beziehungsspezifische Tonus – ist gekennzeichnet durch Geschmeidigkeit und Elastizität. Er alleine erleichtert bereits die Mobilisierung.
Dieser beziehungsspezifische Tonus ist gekennzeichnet durch Geschmeidigkeit und Elastizität. Er alleine erleichtert an sich schon die Mobilisierung. Über diese – in einer technischen Pflegehandlung – erzielte Erleichterung hinaus, ist dieser spezifische Tonus auch Ausdruck einer beseelten Körperlichkeit. Dies führt zu einer anderen Wahrnehmung von Schmerz, nämlich zu dessen Linderung.
Der Nutzen ist daher immens in allen Situationen: bei schmerzhafter Mobilisierungen während der Pflege, bei der Wiederherstellung der Bewegungsautonomie, sowie in palliativen Pflegesituationen.
Haptopsychotherapie
Der Mensch in seiner psychischen Dimension
Die Haptopsychotherapie ist eine Begleitung des Menschen. Sie ist eine Therapie, die darauf abzielt, der Person zu helfen ihre psychische Gesundheit wiederzuerlangen, sie zu festigen oder sie zu entwickeln.
Sie richtet sich an Menschen die leiden, sich in einer existentiellen Krise befinden, und die aus ihrer persönlichen Geschichte heraus mit einem Gefühl der Frustration und der Unvollständigkeit ihres Wesens konfrontiert sind.
Die Haptopsychotherapie bietet der Person die Möglichkeit, selbst die Ressourcen zu mobilisieren, die mit ihren Wünschen und ihrer Lebensfreude verbunden sind und die die Grundlage der menschlichen Existenz bilden.
Durch die Eigenerfahrungen erlangt die Person allmählich Eigenständigkeit in ihrer affektiven Beziehung zu den Mitmenschen. Sie gewinnt an Lebensfreude und entwickelt sie weiter. Sie entwickelt Gefühle von innerer Sicherheit, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Diese Gefühle sind die notwendige Grundlage, um affektiv geprägte zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen und zu pflegen.
Die Haptonomie ignoriert weder medizinische noch psychiatrisches Fachwissen. Sie verkennt auch nicht die Anzeichen nicht, die eine Person dazu bringen Hilfe zu suchen. Sie geht über die Geschichte des «so geworden Seins» hinaus und wird als zusammengehörige Einheit erlebt.
Die Haptonomie hilft bei der Überwindung von Leid: sei es infolge traumatischer Erfahrungen oder mangelnder psychischer und affektiver Entwicklung.
Im Laufe der Begleitung entwickelt die Person ein Gefühl des Wohlbefindens, der Ganzheit. Ein Gefühl, durch das sie sich als Einheit, als Ganzes erlebt. Da sich Gefühle und Emotionen auf der Ebene der Körperlichkeit offenbaren, ist es verständlich, dass die Haptonomie darauf achtet, die Ausdrucksweise nicht einzuschränken.
Haptonomie angewandt im Unterricht
Für Lehrkräfte oder Pädagogen
Die Haptonomie kann einen wertvollen Beitrag im Bildungswesen leisten, sei es im Kindergarten, in der Schule, am Gymnasium oder gar in weiterführenden Lehrstätten.
Die Lehrkräfte, die für ihr Fachwissen und ihre pädagogische Kompetenz anerkannt sind, sind oft unzureichende darin geschult, wie sie eine kontinuierliche und entspannte Beziehung zu den Jugendlichen herstellen und aufrechterhalten können.
Gerade in diesem Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen, der in der heutigen Gesellschaft sehr komplex ist, kann die Einführung der Haptonomie zu einem besseren Wohlbefinden für alle beitragen. Sie ist in der Tat ein Aufruf zur Entfaltung einer affektiven und sicherheitsgebenden Begegnung. Die Haptonomie fördert und unterstütz das Aufblühen, des in jedem Menschen innewohnenden Potentials.
Zudem kann die Haptonomie bei Lehr- und Erziehungspersonal ein Gefühl innerer Sicherheit entwickeln. Dieser Ansatz gewährleistet eine Qualität der Präsenz und eine Autorität, die das Zuhören und die Aufnahmefähigkeit der Schüler und Schülerinnen fördert und deren Lernprozess begünstigt.
Dieses Gefühl der Bestärkung ermöglicht es, sich selbst zu sein und die andere im Klassenraum als unterschiedlich wahrzunehmen. In diesem gemeinsamen Raum wird das Wort der Lehrperson zu einem beseelten, lebendigen Wort, das seinen vollen Platz einnimmt und die Schüler und Schülerinnen auf andere Weise erreicht und berührt.
Die Ausbildner sind alle Haptonomie-Praktizierende und unter ihnen einige auch LehrerInnen.
Quelle: CIRDH-Website
Klinische Kinesionomie
Was ist klinische Kinesionomie?
Die klinische Kinesionomie basiert auf einem ganz spezifischen Kontakt, der die zu pflegende Person einlädt, in ständiger Interaktion mit derPflegefachkraft ihre eigenen vitalen Ressourcen zu mobilisieren.
Der kinesionomische Ansatz integriert in dieser Begegnungsqualität die Anatomie der Bewegung. Dies schafft Vertrauen und innere Sicherheit, was wiederum das Erleben der Pflegebeziehung verändert: sowohl für den Patienten / die Patientin, dessen Ressourcen mobilisiert werden, als auch für die Pflegefachkraft, deren Anstrengung deutlich verringert wird.
Die klinische Kinesionomie basiert auf drei wesentlichen Grundlagen:
- Die Präsenz der Pflegefachkraft, die dem Patienten / der Patientin Sicherheit vermittelt
- Die Einladung (im haptonomischen Sinne)
- Die vitale Intentionalität (Lebenswillenskraft) des Patienten / der Patientin
In der klinischen Kinesionomie ist die Qualität dieser beruhigenden Präsenz das Herzstück der Beziehung zwischen der Pflegefachkraft und der pflegebedürftigen Person.
Die gepflegte Person, die sich durch die Präsenz der Pflegefachkraft sicher fühlt, wird viel entspannter sein: Ihre durch Angst oder Besorgnis (aufgrund von Schmerzen) verursachten Verspannungen weichen einem geschmeidigeren Muskeltonus, der durch das gestärkte Vertrauensverhältnis zur Pflegefachkraft entsteht.
Jedes Mal, wenn die Pflegefachkraft die Präsenz des Patienten/der Patientin, durch eine gut wahrgenommene Einladung anspricht, wird die vitale Intentionalität der pflegebedürftigen Person geweckt oder wiederbelebt und fördert so ihren Wunsch zur Teilnahme. Im Bereich des ihr Möglichen kommt das “gemeinsame Tun” einem echten “Helfen zu Können” gleich.
Die Pflegefachkraft bringt sich persönlich und authentisch ein.

